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Über närrische Liebe im Mutterhimmel

 

In einem Kinderspiel singt es: Dreh dich, kleiner Kreisel/ Dreh dich immer zu/ Rundherum und rundherum/ und jetzt kommst du  … Das Duo Sutter/Schramm! Viele bisherige, zumeist energiegeladene, fast rituell anmutende Performances des Duos hatte ich in den letzten Jahren miterlebt. Die Live Sound-Performance und Videoinstallation unter dem Titel Mutterhimmel in dergeh8 am 09. Mai um 20 Uhr wollte ich mir daher nicht entgehen lassen.

Die große Halle ist mittig durch eine weiße Trennwand geteilt. Im hinteren Teil der Halle sind auf dem Boden vier mächtige, circa fünf Meter lange Holzbalken zu einem Quadrat gelegt, auf dessen Ecken jeweils eine vierarmige und -beinige, auf weißem Grund gepunktete Keramikfigur steht. Zur Trennwand hin ist ein Pult mit allem technischen Equipment aufgebaut und an die Hallenwand gegenüber wird ein kreisrundes Videoloop projiziert. Blickt man von dort zur Hallendecke hinauf, sieht man Tücher in den für Sutter/Schramm typischen Grundfarben Gelb, Grün, Rot und Blau, die auf einer Leine hängen, ähnliche Tücher, wie sie sich Sutter/Schramm von Zeit zu Zeit über die Schulter legen.

In jeder der vier Raumecken steht jeweils ein schwarzer Monitor auf einem weißen, etwas gebrechlich wirkenden Holzgestell. Über die Monitore flimmert synchron ein gelooptes, ungefähr sechsminütiges Video, in dem sich Sutter in Rot/Blau und Schramm in Gelb/Grün sportlich gekleidet immerfort um ihre eigene Achse drehen. Während sie also mit weit ausgestreckten Armen synchron um die eigene Achse wirbeln, bewegen sich die Beiden im Kreis durch den Bildraum – auf die Kamera zu und wieder von ihr weg, mal schneller und dann wieder langsamer werdend. Das Videoformat springt dabei temporär um 90 Grad, dann 180 Grad und dann wieder um 90 Grad zurück. Das Videobild wechselt kurz in die monochromen Grundfarben oder ins Schwarz-Weiß und dann wieder zurück. Und so dreht sich alles auf allen Ebenen und immer wieder beginnt das Dreh-dich-Spiel erneut von vorn.

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Wählt man zunächst die einfachste Methode und versucht, Rückschlüsse auf die Aussage der Performance mit Hilfe des Titels Mutterhimmel zu ziehen, landet man einfach – nirgends (engl. Nowhere – Now here). Irgendwie verbindet sich das Wort Mutterhimmel in meinem Gedanken mit dem Begriff Mutterhöhle, aber das scheint mir entweder Wunschvorstellung zu sein und überhaupt irgendwie aus der Luft beziehungsweise dem Himmel gegriffen. Ich versuche mich also auf den Sound zu konzentrieren: Here are you now/ Now you are here …, tönt es aus den Boxen. Nun überlagern sie sich die sprechenden männlichen Stimmen, während sich der Sound um uns herum im Kreis bewegt. Die Wellen verbreiten sich von den Raumecken zur Mitte hin aus den Boxen bei den Monitoren, leiser und wieder lauter werdend. Und so verliere ich mich wieder im Abschweifen. Wäre nicht die Sonne mittlerweile über den Oberlichtern der Halle untergegangen, wüsste ich nicht, dass Zeit vergangen wäre. Da, wo keine Zeit vergeht, hört jede Sicherheit auf.

Sutter/Schramm starren in ihre Laptopmonitore, sie sind hinter Technikbergen und Kabelbergen verborgen, vom Publikum abgeschnitten, wenig präsent. Plötzlich sprintet Schramm hinter seinem Pult hervor und auf einen Monitor zu. Er nimmt eine der Keramikfiguren, die auf den vier Monitoren verteilt sind, herunter, tauscht diese mit einer anderen mittig im Quadrat platzierten und stellte diese wiederum auf den Monitor zurück. Ein anderes Mal bewegte er sich, ähnlich ungelenk, in einer andere Choreografie zwischen Raummitte und Eckpunkten. Er tauscht die vier Figuren untereinander aus, immer bleibt einer der fünf Punkte unbesetzt. Und manchmal, wenn er die letzte Figur abstellt, geht er über die Mitte zurück zum Pult und drehte dabei am Drehteller, so dass sich die draufstehende Puppe kurz dreht. Einmal stolpert er auf dem Rückweg fast über einen der Holzbalken. Die verspielte Unkonzentriertheit und scheinbare Abwesenheit der Protagonisten könnte sich als Slapstick entpuppen. Die gesamte Performance wirkt wenig spannungs- und energiegeladen, ganz konträr zu dem, was ich zuvor bei Performances des Duos erlebte. Das wiederholende Replatzieren der klobigen, stark vereinfachten und archaisch wirkenden Keramikfiguren lässt weder ein eindeutiges Motiv noch eine Konsequenz im Sound erkennen; beide simulieren Kausalität, suggerieren Struktur, eine nahezu übertriebene Sachlichkeit, fast inhaltsneutral. Kann hier so etwas wie Aura entstehen?

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Ich schreibe in mein Büchlein: romantisch, melancholisches Melodie durch Xylophon, dann Kinderstimmen. Das hört sich ungefähr so an, als würde man an einem Spielplatz vorbei gehen, dann doch in die eigenen vier Wände zurück kriechen und sich wieder langweilen. Und – trotz dramatischer Klänge – besteht das einzige Drama darin, dass das Ganze eigentlich keine Dramaturgie hat, außer – sich im Kreise zu drehen! Und so dreht sich auch die kreisrunde Videoprojektion als goldfarbener Strudel mal schneller mal langsamer, mal im, mal gegen den Uhrzeigersinn an der Hallenwand. Ähnlich einer Kompassnadel die keinen Magneten hat und keine Orientierung gibt, allerdings in extremer Zeitlupe. Einzig die erwartungsvollen Zuschauer_innen schaffen anfänglich Konzentriertheit, zumindest für eine gewisse Zeit, bis nur noch wenige bleiben und die Konzentration schließlich verfliegt. Mit ihr wandelt sich die Atmosphäre des Raumes von der eines buddhistischen Tempels zu jener einer leergefegten Technoparty. Wirkte das Arrangement zu Beginn äußerst attraktiv auf mich, so verliert sich das ordnende Potential desselben im Laufe der Zeit mehr und mehr in Chaos. Die Art der Mechanik, mit der die Performance unwesentlich fortschreitet, empfinde ich als hölzern und grob. Wenig elegant stellen sich Sutter/Schramm hier selbst in Frage. Oh yeah/ oh shit tönt es im Delay aus den Boxen.

So manches Mal lässt mich das Metronom wissen, dass Zeit vergeht und trotzdem passiert nichts weiter wirklich Bedeutendes. Gleichzeitig mit dem Zeitgefühl verliere ich die Konzentration. Es langweilt mich – schon wieder.

Ich sage mir: Du könntest es dir aus Respekt verbieten, aufzustehen oder die leise Hoffnung nicht aufgeben, das Ganze würde vielleicht doch zu Ende sein. Schließlich verharre ich in meiner Unentschlossenheit, bis plötzlich diese Frauenstimme für Abwechslung sorgt, dieselbe sexy Telefonstimme, die ich zu Beginn der Performance aus den Boxen gehört hatte. Auch erzählt sie exakt das Gleiche, wie am Anfang: I really missed the point [...] great thanks [...] next time we do it slow [...] divinely [...] what was the topic again? [...] you don’t have to show the action, just the symbol [...] extreme esthetics [...] he funnies-hot-hot-hot. Help! [...] this happened in a complete consciousness [...] we already practiced it [...] we told you in the beginning … Die Frauenstimme drückt ganz genau meine momentanen Empfindungen dem Erlebten gegenüber aus. Zwar nur in Fragmenten und scheinbar mit jemandem sprechend, wiederholt sich nun das gesprochene Wort, nach endlosen Wiederholungen in Bild und Handlung. Sind wir also zum Anfang der Performance wieder zurückgekehrt? Geht alles wieder von vorne los? Und die Stimme sagt weiter, dass du nicht die Handlung, sondern die Symbole zeigen sollst.

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Eine Zeichnung ist an der Trennwand zur unbespielten Hallenhälfte hin angeheftet. Zu sehen sind die, in wackligem Zeichenstil mit roten, blauen, gelben und grünen Filzstiften schwammig gezogenen Umrisse zweier Kreuze. Müsste ich mich nun zu einer diesbezüglichen Interpretation hinreißen lassen, würde ich das bedeutungsschwangere Symbol des Kreuzes in unserem Breitengraden mit den vier Himmelsrichtung, der Verbindung von Himmel und Erde, mit dem Tod oder aber einem Scheideweg übersetzen. Die roten Tulpen in der der Vase mit dem vierfarbigen quadratischen Muster im vorderen Hallenbereich haben in der Blumensprache eine besonders widersprüchliche Bedeutung. Sie bedeutet sowohl „Du bist zu keiner echten Empfindung fähig” als auch „In meiner Liebe zu dir fühle ich mich im siebenten Himmel!”

Potential zu vielfältigen Interpretationsebenen hat diese Performance durchaus, obgleich sie nicht wirklich konsequent verläuft. Vergleicht man nun die Performance Mutterhimmel mit bisherigen Performances, so existieren zwar identische Elemente, wie die Tücher, die Beschränkung auf die vier Grundfarben, jedoch wirken diese Elemente und weitere in der hier erlebten Performance zusammenhangslos, ergeben keinen Sinn. Es ist eine Fehlkonstruktion, weil die Elemente so diffus zum Einsatz kommen und eine notwendige Kontextualisierung fehlt. Zudem lassen Sutter/Schramm dem Betrachter kaum Zeit, um mögliche Irritationen und Widersprüche wirken und sich tatsächlich entfalten zu lassen, sondern sie müllen die eben geschaffene Leerstelle gleich wieder zu.

Hier wird keine andere – im Sinne des lateinischen Wortes performare – Realität hergestellt. Wer sich im Kreise dreht, drückt sich augenscheinlich vor Entscheidungen. So richtig Spaß macht das wenig durchschaubare Kinderspiel jedenfalls keinem mehr, auch mir nicht. Die mangelnde Konzentration führt schließlich zu Ermüdungserscheinungen und ich verlasse abrupt.

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Fotos von Paul Elsner und Konrad Behr

Lektorat durch Undine Materni

Zuerst veröffentlich auf CYNAL.DE