Matti Schulz · »Cold War 2« · Zeichentusche auf Papier · 100 x 70 cm · 2013

 

Mir wird augenblicklich kalt, obwohl ich mit meiner Kurzsichtigkeit nur den verschwommenen Umrissen eines menschengroßen Schneemanns in der der Galerie Baer folgen kann. In der Julihitze zieht mich diese Kälte förmlich an. Da steht ein putziger Schneemann mit oranger Nase, zwei schwarzen runden Augen und einem gerade gezogenen Mund aus schwarzen Punkten in der äußersten Ecke der Galerie. Mit zur Seite ausgestreckten Armeen steht der Schneemann auf einer Holzpalette, wie man sie von Baustellen kennt. Frontal auf ihn zugehend, fixiere ich den orangen Punkt, die Nase. Sein Blick ist starr in den Galerieraum gerichtet. Wie übergroße Mücken stecken schwarze, industriell hergestellte Plastikspielzeuge in dem Schneemann. Seine Gestalt wirkt klobig und wohl deshalb so niedlich. Die Skulptur von Matti Schulz trägt den Titel „Cold War 2“.

Begibt man sich aber auf Interpretationskurs, wozu dieser Titel durchaus verführt, wird man verlieren. Jede interpretatorische Unternehmung wäre reaktionär und stickig, bloße Übersetzung. Indem man das Kunstwerk auf seinen Inhalt reduziert und diesen dann interpretiert, zähmt man es, höre ich Susan Sonntag in meinen Gedanken sagen. Die Interpretation würde die Kunst manipulierbar und bequem machen. Anders, als der feststehende und schwere, matschige Schneemann fähig wäre, flieht die Pop-Art vor der Interpretation, indem sie als Parodie wahrgenommen werden muss. Ich möchte an dieser Stelle keine kunsthistorische Klassifizierung der künstlerischen Arbeit vornehmen, als vielmehr seinen poppigen Anschein kenntlich machen.

Unmöglichkeit

Schulz wurde zwar 1985 in der Zeit des „Kalten Krieges“ geboren, die diesbezüglichen Ereignisse erfuhr er jedoch nicht bewusst. Er ebenso wie ich können diese Zeit nur in Erzählungen, in Geschichte, erleben. Vielleicht lässt sich die historische Phase ihm Nachgang bewusst erspüren, ich bekomme das Bild der Zeit jedoch nicht zu fassen. Es sind Unbestimmheitsstellen wie weiße Flecken auf einer Landkarte der Geschichte, die sich mit Phantasie füllen lassen. Doch mit welcher Art Phantasie füllt Matti Schulz diese weißen Flecken, um den „Kalten Krieg“ wiederzubeleben? Was also tut Schulz? Lässt er sich selbst in übermütiger Manier zu einer Interpretation verleiten und gibt der Skulptur diesen historisch relevanten Titel? Oder ist es nur ein Kommentar, der kühl und spielerisch zugleich daherkommt, dass nur ein Schmunzeln bleibt?

Wäre es ein Mahnmal, welches auf die Konflikte des „Kalten Krieges“ verweisen würde, hätte Schulz mit seiner Skulptur ganz klar eine falsche Darstellung der historischen Ereignisse wiedergegeben. Der „Kalte Krieg“ wird deshalb so benannt, weil die Bedrohung durch den Konflikt zwischen den Westmächten und dem Ostblock zwar stets präsent war, jedoch zu keiner Zeit in Europa tatsächlich zu Kriegshandlungen führte. Das Mahnmal würde von einem anderen Ereignis sprechen. Und in Kuba, wo es sich tatsächlich in einen heißen Krieg verwandeln hätte können, kennt man keine Schneemänner. Die Parodie ist offensichtlich. Ist es nicht gerade diese Direktheit, mit der uns der Inhalt entgegen prescht, die das Wirkliche überspielt? Ja, so geradeheraus und direkt, dass die Assoziation mit dem „Kalten Krieg“ auch ohne Titel funktionieren würde. Womöglich geht es hier um etwas völlig anderes als den „Kalten Krieg“ und wahrscheinlich handelt es sich bei „Cold War 2“ eher um Anti-Kunst.

Fangen wir von vorne an

Fast marktschreierisch gebärt sich also der Inhalt, als ob er mich wie in einem B-Movie überrollt. Dieser Schneemann würde sicher jeden Kindergärtner nervös machen. Die große weiße Form leuchtet süß; wie eine klebrige Zuckermasse überzieht der Gips die drei kugelrunden Formen, wobei die jeweils daraufsitzende Kugel im Umfang kleiner ist als die Untere. Von der mittleren Kugel rechts und links horizontal abgehende ellipsenähnliche Formen und die schwarze senkrechte Vertikale der Knopfleiste beschreiben nun schon fast einen typischen Schneemann. Die Plastikspielzeugfiguren worden offensichtlich in der Trocknungsphase in die zähe Masse gerammt, mit voller Wucht, um noch tiefer in der Styropormasse stecken zu bleiben. Von dem brutalen Akt zeugen die Gipsspritzer auf der stark verbogenen und detailreichen Plastik.

Ich schätze diese Art wahrlich erfrischender Kunst und muss wohl wohl deshalb umso härter mit ihr ins Gericht gehen. Man mag mich als ein radikalkritischen Fan bezeichnen und darum möchte ich versuchen, in Worte zu fassen, was diese Liebe überhaupt entfacht, um aus der Nähe schließlich Distanz zu entwickeln. Matti Schulz kenne ich persönlich. Wir haben zusammen 2006 das Bildhauereistudium an der HfBK Dresden begonnen. Seine Vorliebe für HipHop ist mir ebenfalls bekannt. Die Attitüde des HipHop lässt sich am ehesten als souverän, selbstbewusst und selbstgefällig beschreiben, mit einem enorm hohem „Dopeness-Faktor“1. Ich könnte meinen, dass es gerade dieser „Dopeness-Faktor“ ist der mich anzieht, obgleich er alles und jeden auf Distanz hält. Damals stand der Begriff „Coolness“ noch dafür, seine Gefühle nicht zu zeigen und sich zusammenzureißen. Zu Beginn des „Kalten Krieges“, genauer in den 50er Jahren, hat die „Beat-Generation“ diese Haltung imitiert und ausgebaut: sich nichts anmerken zu lassen und dadurch überlegen zu wirken. Alles, was die Gesellschaft anbot, hat nicht interessiert. Aber was hilft „Dopeness“ heute? Es gibt ja nichts mehr, wogegen man rebellieren kann – man hat einfach kaum Einschränkungen in Sachen Selbstverwirklichung. Das Einzige, wogegen wir cool sein müssen, ist die Krise selbst. Und wir sollen in Krisen jeder Art cool bleiben, obwohl jeder Anflug von „Dopeness“ sofort zu Kritik und Ausschluss aus der Gemeinschaft führt. Bleiben wir also bei der Coolness als Kunstform und nicht als Lebensform und kehren zurück zu „Cold War 2“.

Gleichgültigkeit

Die Wucht, mit der das militärische Geschwader aus Panzern, Soldaten, Fliegern und Schiffen in Miniaturgröße in die weißen Kugeln gerammt wurde, zeugt von einem emotionaler Akt, und erst recht die Art, wie geschmeidig die zähe Gipsmasse auf die Styroporkugeln aufgetragen wurde. Das industriell hergestellte Spielzeug umgibt zum Teil völlig deformiert als Spirale den Körper des Schneemanns. Zerstochen steht der Schneemann in gleichgültiger Geste da. Es spielt keine Rolle, wer wen bei dieser kriegerischen Handlung besiegt und wer gewonnen hat. Das schwarze feingliedrige und detailliert geformte Plastik kollidiert mit der klobigen und detailarmen weißen Masse. Dem Schneemann scheint die Attacke nichts auszumachen. Gleichgültigkeit ist auch ein Kennzeichen von „Dopeness“, ist im Urban Dictionary zu lesen. Und mit der selben Gleichgültigkeit wird hier Geschichte behandelt. Die rotzige und naiv anmutende Gebärde ist poppig und trashig. Die Methode ist der Slapstick, um unter dem Radar eingerosteter Seriosität zu operieren. Aber Albernheit und Ernst muss wirklich brüchig bleiben, anstatt mit eingefrorenem Grinsen rhetorisch nur behauptet zu werden. In jeder harten Gipsschale steckt ein weicher Styroporkern. Anders wäre die Skulptur nicht tragbar.

 

1 Der Begriff „Dopeness“ steht für „Coolness“ im Slang des HipHop.

 

Lektorat durch Undine Materni